Leila ist Liebe.
von Nikolai Wolfert

Wo man teilt, da ist Liebe und Vertrauen.
Umgekehrt, wo sich Ehepartner trennen (Beziehung sich spaltet), entbrennt
ein (Deutungs- und Macht-)Kampf um (Zuschreibung und Verteilung von) Eigentum (ehemals gemeinsame Güter).

Die Idee: Dinge gemeinsam nutzen.

Wir alle teilen. Oft ist es aber nicht bewusst, was alles geteilt wird.
In der WG werden Dusche, Herdi, Räume und Dinge geteilt. Ebenso in der Familie.
Im Alltag werden Straßen gemeinsam genutzt. Zwischen Freunden leiht man sich eine Angel a us.
In der Bibliothek werden Bücher gemeinsam genutzt.

Umdenken: Leihen statt Kaufen.

Ich nenne zwei Vorteile beim Teilen, über die man sich wieder Gedanken machen sollte:

So zum Beispiel der öffentliche Verkehr mit Bahn, Bus und Tram:
Niemand kauft sich selbst einen Bus, um eine Strecke zurückzulegen. Niemand braucht
für sich allein einen Bus. Man teilt sich einen Bus mit anderen. Was im Kern gebraucht
wird, ist Mobilität, nicht ein Bus oder eine Bahn. Je mehr Menschen eine Tram nutzen, desto
effizienter ist sie. Allgemein: Je mehr der ÖPNV genutzt wird, desto effizienter
ist er. (Effizienzgewinn: economies of scale durch collaborative consumpton).

Ein zweites Beispiel sind die öffentlichen Bibliotheken mit der Bücherleihe: Bei vielen
Bücher genügt es sie kurzzeitig und flexibel zu besorgen. Oft kann man sich den
Kauf sparen, weil viele Sachen gekauft werden, die nur einmal benutzt werden. Leihen reicht
vollkommen aus und spart Geld. Genau dann etwas zu haben, wenn man es braucht, das ist eine
weitere Effizienz (Effizienzgewinne durch just-in-time-consumption).

Schlussfolgerung: Nicht jeder braucht alles zu jeder Zeit. Effizienz wird durch Nutzungsgröße und
Kurzbesitz geschaffen. Niemand braucht nutzlosen Besitz stattdessen nutzt man Dinge ohne
sie zu besitzen. Das ist moderner Konsum.

"Im Internet-Zeitalter ist es nicht mehr wichtig Eigentum zu besitzen. Etwas zu leihen,
wird die moderne Lösung sein. Statt ein Auto zu kaufen, erwirbt sich der künftige Kunde
Zugang zum kulturellen Erlebnis ein Auto zu fahren. Das hat Folgen" - prophezeit der
US-Ökonom Jeremy Rifkin. (Quelle: Frankfurter Rundschau v. 4. November 2000)

Aber warum gibt es noch keine Bibliothek für Dinge?
Warum können Dinge nicht einfach ausgeliehen werden?

Willkommen in der Zugangsgesellschaft

Mir geht es nicht um ein Hohelied auf den Staat, der die Produktion dieser Gemeinschaftsgüter
übernommen hat, weil es sich nicht lohnt sie privatwirtschaftlich herzustellen bzw. weil diese
Konzepte (Bibliothek oder ÖPNV) so wie sie sind keinen Profit abwerfen, obgleich sie
effizienter sind. Mir geht es stattdessen darum wie Gemeinschaftsgüter aus der Zivilgesellschaft
(die dritte Säule neben Staat und Markt) entstehen und dort verteilt werden. Beispielhaft zu beobachten an wikipedia
und couchsurfing. Beide Initiativen können ein Schritt in eine neue, andere Wirtschafts- und Gesellschaftsform sein.

Poole sind effizienter als Märkte

Zunächst ist es wichtig zu verstehen, was wikipedia und couchsurfing sind. Sie sind Poole.
Nutzer_innen legen ihre (Wissens- oder Wohn-)Ressourcen zusammen mit offenem Zugang für andere
Nutzer_innen. Poole werden dank des Internets (als vereinfachende globale Kommunikation- [Kommunikation als Koordination]
und Integrationsplattform) so effizient, dass sie mit "dem" Markt "konkurrieren".
Dafür ist Wikipedia das beste Beispiel. Wikipedia hat ein effizienteres Produkt herausgebildet
als der kapitalistische Markt und seine Enzyklopädie-Produktion durch die Bertelsmann AG (Im Gegenzug wird dann das Gemeingut Universität kommerziell kolonialisiert).

Zwei Formen des Wirtschaftens stehen zur Auswahl. Entweder werden Dinge über Poole bezogen,
strukturiert und transferiert (vernetzt, vermittelt und verteilt) oder über Märkte. Die
Entscheidung liegt beim Besitzer selbst in welches Vermittlungssystem er Dinge
(seine Couch, sein Land, seinen Bohrer) oder sein Wissen einbringt.

"Wenn die Menschen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich."
- W.I. Thomas und D.S. Thomas: "The Child in America" (1928: 572)

Dingen kann nicht nur ein Warencharakter zugeschrieben werden, sondern sie können auch
als (zufällige [die Sonne] oder beabsichtigte [Weihnachtsgeschenke, Liebesgeschenke]) Geschenke
oder (bewusste und unbewusste, staatlich-induzierte bzw. aus peers wie Familien geschaffene)
commons definiert werden. Letztendlich ist es eine Entscheidung der Definition, ob ein Buch als
Geschenk, als Ware oder als commons (z.B. in der Bibliothek) gesehen wird. Und wiederum liegt
die Entscheidung beim Besitzer selbst, ob er es als Ware, Geschenk oder commons definiert.

Auch obliegt den teilnehmenden Akteur_innen in Vermittlungssystemen sich als
Händler_in (Modellvorstellung homo oeconomicus) oder Poolteilnehmer_in (traditionell Genossen)
zu verstehen und sich als ein solcher Rollenentwurf (bewusst oder nicht) entlang der jeweiligen Regeln zu handeln.



Leila als décroissance-Strategie
von Nikolai Wolfert

Das Problem unbegrenzten und pathologischen Wachstums wurde (vor 40 Jahren) richtig erkannt. Nun kommt es darauf an richtige Wege zu gehen, strategische Maßnahmen einzuleiten und aktiv zu Handeln.

Einige décroissance-Autoren nennen Konsum-Verzicht (Sparen, Postmaterialismus, Askese) als eine solche Lösungsmaßnahme. Das ist eine Lösung.

Ergänzend dazu skizziere ich jetzt "netzwerkartiges Teilen und Leihen von Gemeinschaftsgütern (commons)" als eine weitere Lösung auf Wirtschaftswachstum.

Leihen als Reduktion (Dematerialisierung, Temporalisierung, Zirkulation)

Mein Startpunkt sind die Produkte (als Institutionen), die von der wachstumsfixierten Wirtschaft geschaffen werden. Beispielhaft nehme ich zwei Produkte Autos und Bücher heraus. Für Degrowth-Strategien (Maßnahmen) ist nicht interessant, was die Produkte sind, vielmehr wie sie genutzt werden.

Autos als Nutzungs- und Denkform

Seit einiger Zeit florieren car-sharing-Ansätze. Ein Auto wird dann bestellt, wenn es auch gebraucht wird. Nutzen und Besitz gehen einher.

Wenn ein Auto Eigentum ist, sieht das ganz anders aus. Dann ist ein Auto meist ungenutzer Besitz. Im Durchschnitt stehen Autos 98% des Tages rum. Im Normalfall sind sie 1,5 Tonnen rumstehendes Metall. Riesige Metallberge verparken die Innenstädte.

Würde man Autos effizienter Nutzen (bzw. Mobilitätsnachfrage effizient koordinieren und verteilen), könnte man mit viel weniger Autos auskommen. Es müsste auch weniger produziert werden, was im Sinne von décroissance wäre.

Da Autos durchschnittlich nur 2% des Tages genutzt werden, könnte die Anzahl der Autos (prinzipiell!) auf ein 50stel reduziert werden, wenn Möglichkeiten wie car-sharing zum effizienten Nutzen angeboten werden.

Ein Auto kann a) gemeinsam (öffentlicher Bus) und b) zeitlich (Automiete, car-sharing) geteilt werden.

Bücher als commons. Leihen statt Kaufen

Wie beim Auto (Eigentum und/oder car-sharing) gibt es (mindestens) zwei Formen Büchern zu nutzen, zu besitzen, zu beschaffen, zirkulieren zu lassen, kurz mit ihnen zu wirtschaften. Einerseits kauft man sich ein Buch. Es ist dann Eigentum. Man liest es und stellt es sich ins Regal, wo es (wie beim Auto) zu oft nutzlos rumsteht.

Eine andere Möglichkeit ist Bücher in der Bibliothek zu leihen. Das Sparpotenzial zwischen Kauf und Leihe ist erschreckend groß. Man zahlt wesentlich weniger. Der Effekt für Degrowth ist erheblich. Nicht jeder braucht alle Bücher. Und: Nicht jeder braucht jedes Buch immer. Umgekehrt: Eine Bibliothek braucht für ihre vielen Nutzer_innen ein Buch nur einmal zu kaufen, was dann auch nur einmal produziert werden muss.

10000 Dinge und du

Statistisch gesehen sind alle Bundesbürger_innen Messies. Diese Zahl nutzt Dagmar Steffen zu der konsumistischen Frage ihres gleichnamigen Buches "Welche Dinge braucht der Mensch".
Ich folgere zwei Thesen:

1. Wir haben zu viele Dinge.

2. Wir nutzen (zu viele) Dinge zu selten (wie Autos oder Bücher).

Eine Lösungsstrategie diesem Überfluss an Produkten und Waren beizukommen und effizient zu reduzieren (Degrowth) gibt sie auch. Auf Seite 213: Autos gemeinsam nutzen.

Ich finde, man sollte und man kann mehr als Autos (car-sharing) oder Bücher (Bibliothek) teilen.

Deshalb habe ich * Leila gegründet.

* Leila - Ich kauf nix mehr.

Leila ist wie eine Bibliothek für Dinge. Im Unterschied zu Tauschringen muss nicht zwingend ein Angebot auf eine Nachfrage folgen und auch keine Alternativwährung eingeführt werden.

Das Prinzip Bibliothek ist klar. Ein Leihladen ist allerdings noch mehr. Jede_r bringt eine Sache seiner Wahl ein und teilt sie mit anderen. So wird ein gemeinsamer Pool von Dingen geschaffen. Dinge gibt es genug ja bei 10'000 Dinge pro Person mehr als genug zum Teilen.

Das (Wirtschafts-)Prinzip heißt Pool (im Gegensatz zum Markt) und die Dinge sind dann Gemeinschaftsgüter (statt Eigentums-Waren). Über 130 Sachen vom Werkzeug, über Bollerwagen und Badminton bis zum Raclettegrill sind schon zusammengekommen.

Wirf einen Blick in den > Leila-Katalog

Mach mit!

Teilen bringt Vorteile. * Reduktions-Effekte durch Leila

1. Du kannst viel sparen, in dem du nicht alles neu kaufst, sondern Second-hand leihst.

2. Nicht jeder braucht alles. In dem du teilst, kannst du den Pool mit anderen nutzen.

3. Für einmalige Anlässe (Umzug, Feste, Ausflüge) braucht du dir nicht extra Dinge zu kaufen, die nur einmal genutzt werden und dann nicht mehr.

4. Mehr Freiraum bei dir zuhause, wenn du die Dinge aus deinem Keller und Schränken bei Leila einbringst.

5. Beim Leihen und gemeinsamen Nutzen, muss nicht mehr so viel produziert werden.

6. Reduktion von Besitz auf Nutzen. Statt nutzlosen Besitz lieber besitzloses Nutzen.